Die Botschaft kommt durch den Klang

Ich habe einmal einen Wahnsinnsveriss bekommen. Der Kritiker hat dabei sehr genau zugehört. Er hat eine technische Sache bemängelt: weiche Konsonanten und leicht abgedunkelte Endvokale - zum Beispiel eine Tendenz zu einem eher dunklen 'kommäh', wo es doch eher hell 'kommee' heissen müsste. Diese leichte Verfärbung aber basiert bei mir auf einer grundsätzlichen sängerischen Überzeugung: Sie ermöglicht mir, ein weiches Legato zu singen. Für mich ist das Legato ein Transportmittel, zu dem es keine Alternative gibt - es sei denn, es wird ausdrücklich ein 'non legato' verlangt. Im Setzen von Kontrasten bin ich im Vergleich zu anderen sehr diskret. Mein Klangideal ist anders als das eines Dietrich Fischer-Dieskau.
 
Der ja ein extremer Konsonanten-Kontrastsetzer war.  
 
Und genau das ist der Augenblick, wo ich in Konzerten aussteige, wo der Faden reisst. Das hat eine Form des Zelebrrrierrrens mit schnurrrrrrrrendem 'r' und überhaupt ex-ak-te-stem Spprrechen des 't'. Das ist wie ein Nadelstich. Es gibt Lieder, wo das nötig ist, etwa bei Balladen. Aber nehmen Sie zum Beispiel Schuberts zartes und zerbrechliches 'Erster Verlust'. Es ist emotional zerstörerisch, wenn ich mit einem 'Achch! Werr brringtt die schschönen Ttage, jene Ttage der erssttten Liebe...' dazwischenfunke.
 
Bei Ihnen kommt die Botschaft eher durch den Klang herüber als durch das Wort...  
 
Ich muss mich ausdrücken, ich brauche nichts zu rezitieren, dieses den-Leuten-etwas-Erzählen geht nur bei bestimmten Stoffen. Was ist denn letzten Endes das Ziel eines Liederabends? Man will die Menschen erreichen und sie mit Gefühlen konfrontieren, die immer mehr zur Seltenheit gehören, die immer weniger zum Alltagsleben gehören. Ich nehme es eher übel, wenn ein Sänger mir zu erklären versucht, was der Text bedeutet. Aber es gibt auch Leute, die das nicht ertragen können. Interessanterweise gibt es - was die Meinung über meine Art zu singen betrifft - keine Mitte.
 
Quelle: Matthias Goerne in einem Gespräch mit Kalle Burmester.
Das vollständige Interview findet sich in klassik-heute.de (09/98).
Hervorhebungen nicht im Original.


Mit aller Kraft zum Tod

Matthias Goerne über Schuberts "Die schöne Müllerin"

Durch viele berühmte Sänger, die Schuberts "Schöne Müllerin" interpretierten, wurde eine Tradition etabliert, die sehr im Biedermeier verhaftet ist. Es gibt da so ein Standardbild: der kleine Bach, das zarte Grün; der junge Bursche, der leichten Fusses, mit einem Lied auf den Lippen einhermarschiert - unterwegs zu einer schönen Liebesgeschichte, die dann halt traurig endet. Das ist in Bezug auf Schubert nicht richtig. Es wird dem Sturm-und-Drang-Lebensgefühl, das zu dem Werk gehört, nicht gerecht. Dramatischer, als vom Leben in den Tod zu gehen, kann doch überhaupt nichts sein.

"Die schöne Müllerin" zeigt den Weg eines von leidenschaftlichem Lebenswillen geprägten Menschen von der Verliebtheit in die Katastrophe. Diese Entwicklung läßt vollkommen absurde, wahnhafte Seiten des Müllersburschen zutage treten. Es gibt ja keinen wirklichen Dialog zwischen ihm und der Müllerin. Er lebt in Selbstgesprächen. Ist er nicht naiv? Ich glaube nicht - obwohl ich mit dieser Deutung aufgewachsen bin. Ich interpretiere den Müllersburschen als Figur, die mit ihren absoluten Ansprüchen scheitern muss. Wenn man die Welt so sieht, dass alle Schuld bei den anderen liegt und dass man selbst nicht anders handeln kann, weil man immer nur projiziert, dann läuft das auf einen Selbstmord hinaus.

Eine am Ende vollkommen hoffnungslose Figur. Im Gegensatz zur "Winterreise", wo es Hoffnung gibt. Der Leiermann an ihrem Ende ist eben nicht der Tod, auch wenn er oft fälschlicherweise mit dem Sensenmann in Verbindung gebracht wird. Die Winterreise hat für mich einen offenen Schluss. Ihr Protagonist ist nicht so fanatisch wie der Müllersbursche. Er begehrt auf, findet dann aber zu einer abgeklärten Sicht aufs Leben. In der "Müllerin" dagegen gibt es nur alles oder nichts.

Sie singen die "Müllerin" in Ihrer Aufnahme mit Eric Schneider ganz aufs Ende des Müllersburschen hin. Für das abschliessende Wiegenlied brauchen Sie 9 statt der üblichen 6 Minuten, weshalb so extreme Tempi?  

Ich habe den Zyklus oft im Konzert gesungen, bevor ich ihn aufgenommen habe. Die Interpretation hat sich so allmählich herausgebildet. Am Ende wiegt der Bach den zum Tod Entschlossenen, er will ihm die Angst vor dem letzten Schritt nehmen. Eine unheimliche, verführerische Situation! Sie ist fast nur mit einer Reduktion des Tempos zu gestalten. Man kann mir natürlich vorwerfen, dass ich die Tempobezeichnung "mässig", die in dem Zyklus dreimal vorkommt, unterschiedlich behandle. Damit kann ich aber leben, weil die Lösung für mich schlüssig ist.

Quelle: Auszug aus einem Gespräch von Matthias Goerne mit Manfred Papst.
Das vollständige, sehr ausführliche Interview findet sich in der NZZ am Sonntag in der Ausgabe vom 31. August 2003 und kann im Archiv der Neuen Zürcher Zeitung unter nzz.ch bestellt werden.